Oliver Hepp ist schon seit sieben Jahre Dozent bei der Sommeruni. Er hat an der Universität Bayreuth Germanistik und Philosophie studiert und er promoviert gerade in Germanistik. Er ist Literaturwissenschaftler, der sich besonders mit dem Motiv der Vampire beschäftigt.
Malwina Fendrych: Was bedeutet für Sie die Kunst?
Olivier Hepp: Ich sehe die Kunst aus zwei Perspektiven. Einmal, weil meine Arbeit sehr eng mit der Kunst verbunden ist, als Literaturwissenschaftler gewöhnt man sich einen rationalen Blick an für etwas Ästhetisches. Für mich persönlich, jetzt abseits des Arbeitslebens, ist die Kunst einfach Entspannung, also wenn man abends nach einem stressigen Tag nach Hause kommt, dann schaffe ich es Gott sei Dank, immer noch zu lesen, einfach um des Lesens willen oder um mir einen Bildband anzugucken. Für mich ist auch Filmkunst sehr wichtig, wenn ich einen gut gemachten Film ansehe. Also Kunst ist sowohl Arbeit als auch Freizeit, und wenn ich Kunst ansehe oder rezipiere, dann ist sie auch Passion, das mache ich mit vielen Emotionen, um mich auch emotional abzureagieren.
M.F.: Ist also Kunst mehr als ein Hobby?
O.H.: Ja, es gibt auf Deutsch einen schönen Satz: „Man hat sein Hobby zum Beruf gemacht, aber natürlich ist sie generell zuerst eine Leidenschaft für die Künstler und dann – in meinem Fall – die Möglichkeit, das zum Beruf zu machen.“
M.F.: Wie weit kann man die Kunst mit der Kultur identifizieren und assoziieren?
O.H.: Als Literaturwissenschaftler würde ich sagen, dass Kunst quasi Kultur mit produziert, aber hier kann man keine Hierarchie aufmachen, sondern die Kunst ist ein Teil des Produktionsprozesses der Kultur, sie hängen proportional voneinander ab. Die Kunst bedingt Kultur, wird aber auch durch kulturellen Background gebildet, das kann man nicht so richtig trennen.
M.F.: Am Beispiel der Sommer-Uni kann man das weltweite Phänomen der multikulturellen Gesellschaft beobachten. Man kann auch bemerken, dass, wenn es zur Konfrontation der Kulturunterschiede vieler Welten kommt, zeigt sich sofort ein Gefühl der Fremdheit. Ist es also möglich, sich gegenseitig anzunehmen und die Kulturen in der Begegnung mit den Anderen aus den verschiedenen Ländern zu verbinden?
O.H.: Ja, meiner Meinung nach sieht man das am besten bei uns im Kurs, wenn wir zum Beispiel über Literatur, die ja Kunst ist, einen Zugang zur Kultur herstellen. Wenn man dann über das Medium Kunst in die Kultur eintaucht, kann man so etwas Gemeinsames nennen. Aber ich würde auch schon sagen, dass man im Idealfall durch die Kunst die Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Kulturen bekommen kann. Und je nachdem wo man gerade ist – also ich würde dieses Phänomen auch ortsabhängig sehen – kann die Kultur des Ortes so das erste Sprungbrett sein. Also so wie wir z.B. Kafka lesen und über die emotionalen Lagen sprechen, die aus Polen, Ungarn, Tschechien, England, Armenien, Bulgarien oder der Mongolei und aus anderen möglichen Ländern kommen. So funktioniert es sicherlich auch, wenn ich zum Beispiel in Ungarn bin und ich lese irgendein Buch eines ungarischen Autoren, Maraj zum Beispiel, und spreche dann über die emotionale Lage oder den Zugang, den man als Nicht-Ungar hat. Über das Medium, über das Sprungbrett Kunst kann man einen Ausschnitt von jeder Kultur gewinnen, den man auch mit den anderen Kulturen vergleichen kann.
M.F.: Innerhalb der vier Wochen können diese Menschen verschiedener Herkunft und Kultur ein neues Miteinander in der Vielfalt bauen. Sie sind schon seit einigen Jahren Dozent und Sie können sich diese Verbindungsprobe der Kulturen aus der Nähe ansehen. Haben Sie bemerkt, ob diese Unterschiede zwischen den Kulturen Mentalitätsgrenzen bilden, Missverständnisse verursachen oder die Menschen neugierig machen? Und um welche Unterschiede handelt es sich?
O.H.: Ich würde sagen, alles zusammen. Also ich meine, man hat erstmal verschiedene Kommunikationsebenen: als Dozent an der Sommer-Uni unterrichte ich Kurse, und treffe ganz andere Kulturen aus den asiatischen Ländern, die komplett anders sind als zum Beispiel bei uns in Bayreuth, in Deutschland. Alles zusammen, weil diese Sommer-Uni auch deshalb funktioniert, weil man neugierig wird auf das Andere, also man hätte die Neugier, man hätte da auch die Missverständnisse, die besonders am Anfang sehr stark sind, dann hat man dazu Kommunikationssituationen, egal ob sie verbal oder nonverbal sind. Verbale Situationen, in denen man darauf achten muss, warum etwas schief gegangen ist oder wo das Missverständnis liegt. Das wechselt sich ab so im Laufe der Sommer-Uni und ich glaube, dass dieses Konzept funktioniert, weil die Menschen neugierig auf das werden, was die Missverständnisse produziert und woher wir alle kommen.
M.F.: Erinnern sie sich vielleicht an Beispiele, die die Wirkungen des Missverständnisses und der Neugier in der zwischenmenschlichen Kommunikation verdeutlichen?
O.H.: Ein ganz kleines Missverständnis: ich habe einen Kurs unterrichtet, in dem es Menschen aus Indien gab. In Deutschland ist es so, wenn jemand mit dem Kopf nickt, bedeutet das „ja“, und wenn er ihn von rechts nach links schüttelt, „nein“ als nonverbale Gesten. Und ich habe nach jeder Diskussion gefragt, ob sie alles verstanden haben und sie haben mit dem Kopf von rechts nach links geschüttelt und ich habe gedacht: Mann, bist du so ein schlechter Lehrer? Nach dem dritten Mal habe ich gefragt, ob sie wirklich nichts verstanden haben und sie haben gesagt: Doch, wir haben das verstanden!
Und ein Beispiel für die Neugier: ich hatte einmal eine wirklich heterogene Gruppe, die sich aus Asiaten, Afrikanern, Europäern und Südamerikanern zusammensetzte und ich habe wirklich bemerkt, dass die Lateinamerikaner und vor allem die Südeuropäer, genauer ein Spanier und ein Mexikaner, haben sich am Anfang gefragt, warum die Menschen aus Asien, genauer aus China und aus Japan nicht so körpersprachentechnisch mit ihnen kommunizieren. Was ich großartig fand, war, dass die beiden sich dann nicht beschwert haben, dass die mit ihnen nicht so sprechen wie sie das gewohnt waren, sondern die Beiden im Unterricht gefragt haben: „Warum macht ihr das denn so?“ Und dann antworteten die asiatischen Teilnehmer: „Das können wir auch nicht sagen, wir sind es einfach nicht gewohnt, das ist nicht unsere Art zu kommunizieren.“ Danach haben wir im Kurs während dieser vier Wochen im August 2006 ein gutes gemeinsames Niveau gefunden. Die Südeuropäer und Südamerikaner waren nicht so kommunikativ offensiv wie früher und alle Asiaten haben sich dann mehr geöffnet. Weil sie so eine tolle Vertrauensbasis aufgebaut hatten.